Wider Willen watteweich

„Mein Kind hat Hautausschlag und seit drei Tagen 40 Fieber – was meint Ihr könnte das sein?“ Keine Ahnung. Fieber mit Hautausschlag? Aber am besten wartest Du noch drei Tage – und bekommst qualifizierte Antworten von Fremden aus dem Internet. Geh bloß nicht zum Arzt.
Und wieder einmal in der Rubrik „Dumme zum Mitreden gesucht“ angelangt, fällt mir alles aus dem Gesicht, wenn ich solche Einträge in Elternforen lese.

Um nichts Existentielles ging es heute. Oder doch? Ich war im Reiseforum unterwegs – auf der Suche nach guten Tipps für Ziele mit Kindern.
Eine immer wiederkehrende Fragen fiel mir ins Auge: „Kann ich meinem Kind eine lange Autofahrt zumuten?“ Haha!! Na, wenn Du vorhast, Dein Kind mit Klebeband am Rücksitz festzubinden, ihm fünf Stunden lang Nahrung, Trinken und Aufmerksamkeit zu verwehren, dann könnte es schon etwas strapaziös werden.
Wenn es allerdings eine zwar lange aber etwas nett gestaltete Autofahrt mit genügend Pausen wird – warum um Himmels willen denn nicht? Aus dem Bedürfnis heraus, Kindern nichts zuzumuten, entsteht die fatale Haltung, Kindern nichts mehr zuzuTRAUEN. Die Lütten können so einiges und vor allem wollen sie eins nicht: Komplett in Watte gepackt werden.

„Mein Kind hat Sand gegessen – wird es jetzt krank?“, „Dein Peer-Ole hat meinem Liam-Milan eins mit der Schaufel übergezogen – da sollten wir alle gemeinsam drüber reden“, „Oh nein, Schatz – eine Beule! Mami holt Dir gleich die Zauberpillen, dann wird es nicht so dick!“ (Willkommen, liebe Generation potentieller Tablettensüchtiger! Aber – anderes Thema an einem anderen Tag)
Meine Güte.
Auch ich behüte meine Kinder, auch ich möchte, dass es ihnen gut geht. Doch manchmal frage ich mich, was aus all den Kindern werden soll, die nicht mal ne ordentliche Portion Sand verdrücken dürfen, ohne dass Mama gleich mit einem halben Liter Wasser nachspült. Die nicht einmal streiten dürfen, ohne dass die Erwachsenen mit LatteMacchiatoHalbfettDecafToGo in der Hand endlich ihre langweiligen Gespräche unterbrechen und sich als Streitschlichter aufspielen können ? Und ne Beule? Geht von selbst wieder weg. Überraschung.

Welche Freiheiten haben diese Kinder noch? Was für ein Selbstverständnis bekommen sie, wenn sie nicht herausfinden dürfen, dass Bäume verdammt hoch sein können – dass sie es aber ganz alleine schaffen können, da wieder herunterzukommen. Wenn sie nie feststellen dürfen, dass Beulen von selbst abschwellen, ohne dass sie sofort etwas draufgerieben oder eingeschmissen bekommen – dass ihr Körper durchaus robust ist, wenn sie gesund sind und dass sie Dinge auch mal alleine regeln können?
Dass sie auf sich selbst vertrauen und sich selbst etwas zutrauen können?

Wenn ich abends von den Bäumen am Garagenhof herunterkletterte, um zum Abendbrot rechtzeitig zurück zu sein, habe ich keine medizinische Inspektion erdulden müssen. Schrammen zählte ich höchstens als Trophäen zum Angeben und ein Pflaster gab es, wenn das Blut drohte, das Sofa zu versauen. Liebevoll pustete mir meine Mama auf Beulen oder legte kurz einen kalten Löffel drauf.

Und Autofahrten? Lang! Sehr lang! Wenn es nachts losging, mein Papa mich mitten in der Nacht aus dem Bett in eine Wolldecke gewickelt zum Auto trug, ich halbwach die kühle Nachtluft an meinen Füßen fühlte, um dann fünf Stunden später im Auto zu Gebrumme und leiser Musik aufzuwachen – da waren wir schon ein gutes Stück gereist! Zu Viert fast 1500 Kilometer, na klar – das war nicht schnell, das war ne echte Reise, geflogen ist in den Siebzigern und Achtzigern kaum jemand. Aber so haben wir uns die schönen Reiseziele erobert – per Autobahn, Zwischenstopps, Walkman, Malblöcken, Nummerschildwortspielen und in Dauerschleife „Ich sehe was, was Du nicht siehst.“ Drei Wochen Meer und Sonne haben uns für alles entschädigt. Hey! Wir waren in Italien!
Und der Sand schmeckte köstlich.

Lack mich

Wenn die Bohrmaschine sich durch den Putz fräst, die Schleifmaschine eine samtige Oberfläche hinterlässt, etwas durch Holzleim hält, was zusammen gehört – das fühlt sich an wie Pudding ohne Klümpchen. Oder ohne Patzer lackierte Fingernägel: stimmig, befriedigend, wohlig. Witze über Frauen in Baumärkten kann ich nur schwer nachvollziehen – fast genauso gern wie durch Schuhläden flaniere ich bei Bauhaus & Co durch die Regalreihen. Am liebsten mit ganz viel Zeit und Geld bewundere ich Akkubohrer, Wandfarben und Lötkolben. Am Allerschönsten ist es, wenn ich ein Werkzeug wirklich brauche, um etwas zu realisieren – und so freue ich mich noch immer über diesen kleinen, praktischen und hübschen Multischleifer, der alles glattschleift, was man ihm unter die dreieckige Nase hält. Neben einem begehbaren Kleiderschrank mit endlosen Schuh-, Schal- und Handtaschenfächern, wäre mein Traum ein richtiger Werkraum! Einer mit ner schicken dunkelblauen Werkbank, so eine mit allem Pipapo – dazu Gläser mit verschiedenen Schrauben und Nägeln, einem Werkstattradio, Kaffeemaschine, Vorrichtungen, wo lackierte Dinge in Ruhe trocknen können, äh, nein – keine Ablage für Hände. Hach, eine fest installierte Kreissäge – das wär’s! In Baumärkten werden „Ladies Nights“ angeboten, wo handwerklich interessierte Frauen lernen können, wie man Fliesen verlegt oder Waschbecken installiert. Jemand schon mal da gewesen? Jemand Lust, mal mitzukommen? Nägel lackieren sollte man natürlich erst anschließend.

Batterielose Liebe

Karnickel, die mich traurig durch Gitterstäbe anglotzen, Vögel, die vor Langeweile von der Stange kippen, Hamster, die mich nachts durch Laufradgeratter wach halten? „Niemals. Niemals werden wir Haustiere haben. Das kann ich hier und jetzt versprechen.“ Jahrelang konnte ich diese Zusage, die vor allem an mich selbst gerichtet war, halten. Speziell Katzen fanden nie den Weg in mein Herz – früh brachte ich meinen Kindern bei, gegen die Terrassentür zu bollern, um die dicken Fellknäuel vor unserem Fenster zu verscheuchen, entsetzt sah ich mit an, wie der Nachbarskater einen Eichelhäher auf der Wiese vor dem Haus in Einzelteile zerlegte. Die Babytaube, die ich vor 30 Jahren als Kind von der Straße rettete, wurde mit einem einzigen Hieb in den Hals getötet, sie starb in meinen Armen. Immer war ich auf der Vogelseite, sogar Bestandteil immer wiederkehrender Alpträume waren sie – die doofen Katzen.

WENN irgendwas Haustierartiges bei uns einzog, stellte sich bisher nur die Frage nach „AA“ oder „AAA“? Ich vertröstete meine Kinder mit allem, was Batterien hatte und Tiergeräusche machte, praktisch fand ich auch immer den „AUS“-Knopf. Da gibt es wirklich erstaunliche Sachen – Hund, Katze, Affe, lustige Geräusche, niedlich und so pflegeleicht.
Seit fast neun Monaten ist alles anders. Viel ist nicht mehr übrig vom „Schröderschen Manifest gegen Kleintierhaltung“. Während ich diese Zeilen tippe, streicht „Simba“ schnurrend um meine Beine und „Charly“ liegt schlafend auf dem Sessel.

Als wir die zwei Babykatzen Ende Juni 2015 von der „Halo-Ranch“, einem Gnadenhof in Worpswede holten, drehte sich meine ganz persönliche Welt ein Stückchen in die andere Richtung, wurde ein Areal mit Katzenliebe in meiner hintersten Herzregion angetippt – es brauchte keine drei Wochen, und ich verwechselte das Wort „Kinder“ und „Katzen“. „Ich stelle den Kindern eben noch etwas zu fressen hin. Äh, den Katzen.“
Inzwischen fühle ich mit, wenn unser Nachbar mit einer kleinen Glocke klingelnd auf dem Balkon im zweiten Stock steht: „Kooomm, Dickerchen, na koooomm!“. Normalerweise flitzt Dickerchen aus einem Gebüsch über die Wiese und rennt auf den Korb zu, der an einem Seil hinuntergelassen im Garten liegt, damit er die Nacht in einer warmen Wohnung verbringen kann.

Meinen Sohn hätte ich bis zur Pubertät ohne Haustier vertrösten können, doch meine Tochter ist eine Tierflüsterin – Hunde, die beißen, lecken ihr die Hand, Regenwürmer kriechen ihr hinterher. Sie liebt Tiere, sie möchte Tierärztin werden – und das Allerallerallerschönste wäre ein eigenes Haustier! Ein Hund. Nein. Das geht leider wirklich nicht. Alle in diesem Haus arbeiten oder sind in der Schule. Kaninchen? Süß. Aber betreuungsintensiv. Vogel? Nicht kuschelig genug. Fische? Gähn. Also Katze. Frei herumlaufend, kuschelig, ein Ansprechpartner, ein Tier, um das man sich kümmern kann, das teilnimmt am Familienleben.

Meiner ältesten Freundin liefen vor Lachen fast die Tränen übers Gesicht, als sie hörte, dass wir Katzen bekommen: „Du und Katzen?? Nenn sie doch „Ksch-ksch“ und „Verpiss Dich“!! Wir haben sie lieber Simba und Charly genannt. Acht und zehn Wochen waren sie alt, als sie bei uns einzogen – eigentlich zu jung, doch die viel befahrene Landstraße neben dem Stall und ihre wachsende Entdeckerfreude machte alle nervös. Speziell die Glückskatze, Charly, zeigte in den ersten Wochen noch jede Irritation durch das Bepieschern von Bettdecken, ich hatte noch nie soviel Daunenwaschmittel im Haus. Inzwischen sind wir zusammengewachsen. Als die Kinder mit ihrem Vater in den Urlaub fuhren, war der Abschied von den Katzen tränenreicher als der von uns, und Simba und Charly danken es uns Vieren mit Zuneigung und Anhänglichkeit, dem Benutzen des Kratzbaumes und der Katzentoilette.

In absehbarer Zeit werden wir sie rauslassen, dann dürfen sie in der Natur ihre Kreise ziehen. Simba ist inzwischen groß und kräftig, mit kleinen luchsigen Fellpuscheln an den Ohren – wir rechnen damit, nicht Vögel und Mäuse vor die Tür gelegt zu bekommen, sondern Nachbarskatzen. Und ich werde abends auf der Terrasse stehen und klingeln – und hoffen, dass die Kinder, äh Katzen, heil nach Hause kommen.

 

Bei uns gibt’s mehr Lametta

„Na, auch im Weihnachtsstress?“ Nö. Nicht, weil bei mir immer alles entspannt wäre, aber Weihnachten und Stress? Dazu habe ich keine Lust mehr. Der optimale Gänsebraten, der perfekte Baum, das glänzende Haus – das kann toll sein! Muss aber nicht sein, damit es toll wird. Die schöne Stimmung, die lauten Lieder, die leuchtenden Augen – die dürfen für mich nicht fehlen. Und die gibt es nicht zwingend durch einen straff organisierten Rahmen, der nur steht, weil ein oder zwei Menschen im Raum Augenringe bis nach Paris haben und ständig am Gähnen sind.

Mir fällt immer wieder auf, dass Viele davon sprechen, wie stressig diese besinnliche Zeit ist, wie viele Termine man doch hat und wie überfüllt alles ist – der Kalender, der Kopf, die Taschen, die Nerven.
Warum ist das so? Weil alles zu diesem Zeitpunkt im Jahr besonders perfekt sein muss? Allein der Satz „Wollen wir uns vor Weihnachten noch mal treffen?“ Und dann hektische Flecken, wenn man den gemeinsamen Glühwein nicht mehr schafft. Als gäbe es kein „Danach“, kein Leben nach dem Weihnachtsmarkt.
Woraus entsteht dieser Anspruch, dieser Druck, den sich jeder selber macht? Und wie schnell steckt man da bitte selber drin? Wenn ich an frühere Heiligabende denke – an die aufwändigen Essen, kompliziert einkaufen, zwei Stunden kochen – und die Hoffnung, dass die Kinder es schaffen, nach all der Aufregung fünf Minuten am Tisch zu sitzen, ohne mit dem Gesicht in den Teller zu fallen. Und dann? Schnell noch ne Gabel in den Mund schieben, kauend aufstehen und Nummer Eins ins Bett bringen, zwischendurch beruhigende Rufe zu der wartenden Runde: „Komme gleich! Esst ruhig weiter!!“
Wieder runter, das lauwarme Essen weiter essen, „Mama-Rufe“ von oben, also wieder rauf, wieder kauend, schnell noch einen Schluck Rotwein hineinschütten und das Kind in den Schlaf schaukeln. Nach gefühlten drei Tagen wieder runter und das kalte Essen zu Ende essen. Zwei Runden Heiligabend auf diese Art – und ich schwor mir und allen Beteiligten: Das ändert sich. Heiligabend gibt es jetzt Raclette. Und diese eine Ecke da, die schaffe ich trotz der gewonnenen Zeit manchmal nicht aufzuräumen, so wie an den anderen 362 Tagen im Jahr auch.

Oh. Und was ist mit dem Weihnachtsbaum? Hab ich noch nicht. Ich wollte auf den Tag warten, bis ich ihn mit meinen Kinder gemeinsam kaufen kann… zwischen Arbeit, Schule, Hobbys und chronischem „Oh. Mist. Vergessen“, kann es bis eine Woche vor Weihnachten dauern. Da bekommt man nur noch die verwachsenen Restmodelle, die kümmerlichen Exemplare mit den krummen Spitzen und den kahlen Stellen – die, die keiner wollte? Dann gibt’s eben ne Portion mehr Lametta an die Nadeln! Wird eh der schönste Baum in Hamburgs Osten – weil die Kinder ihn alleine schmücken und alle Geschmacksgesetze außer Kraft setzen werden.

Mir sagte mal jemand vor längerer Zeit: Kippe den Anspruch auf 100 Prozent, 85 reichen. Chapeau! Und nun erfreue ich mich an der Weihnachtszeit, ich freue mich auf Weihnachten. Ich war auf ein paar Weihnachtsveranstaltungen, aber nicht auf allen (das wäre ja in Stress ausgeartet). Ich habe alle Geschenke, nicht fünf Wochen vorher, aber ohne Stress. Ich kaufe erst nächste Woche ein, das reicht. Bude wird natürlich aufgeräumt und geputzt – so weit wie ich es schaffe. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.
Vor ein paar Tagen haben wir beschlossen, ein paar Schulfreunde der Kinder mit netten Eltern am Wochenende vor Heiligabend einzuladen – eine kleine Vorweihnachstparty soll es werden. Es haben fast alle zugesagt – und nun kommen etwa 14 Erwachsene und 15 Kinder. Drei Schulfreunde durften ursprünglich hier übernachten, jetzt werden es sechs. Vorbereitung? Klar. Klappt schon.
Und um Himmels willen – was ist denn nun mit dieser rummeligen Ecke da? Dazu fällt mir mein neuer Lieblingssatz ein: „Is mir egal, ich lass das jetzt so.“

Verjüngt und zugefaltet

„DAS ist Ihre Farbe!“ juchzt die Verkäuferin. Zwanzig Minuten, nachdem ich auf dem Stuhl des Beautyshops Platz genommen habe, sehe ich wirklich deutlich besser aus. Toll, wie der Mascara die Augen betont – und ganz toll, wie dieses Violett sie zum Leuchten bringt! So enthusiastisch ist die Frau, dass ich selber ganz hibbelig werde und am laufenden Band nach Preisen der Tuben und Tiegel frage, die sie aufdreht, um mir etwas Neues mit einer schnellen, nach Wissenschaft klingenden Erklärung, ins Gesicht zu streichen. Im Kopf überschlage ich die Preise und beschließe, dass 250 Euro für ein schnelles Shoppingerlebnis „leicht“ übertrieben sind.

Nur mit den tollen Violetttönen gehe ich an die Kasse, bekomme alles, was ich nicht gekauft habe, auf eine Karte geschrieben – für den Wunschzettel – und möchte zahlen. Vorher wirft sie noch mit ihrem nicht enden wollenden Elan „ein paar Pröbchen“ in meine Tüte – die eine Packung davon ist schwarz und eine gefährlich aussehende Schlange ist darauf abgebildet. Schlangengiftserum. Igitt. Nein, ganz toll sei das, bekomme ich erklärt – ich müsse mir das folgendermaßen vorstellen: Wenn eine Schlange einen beißt, dann werde die Hautstelle ja taub, quasi gelähmt. So funktioniere auch die Creme, mit schlangengiftähnlichen Inhaltsstoffen.“ Wie verlockend. „Ab einem gewissen Alter kämpft man ja mit Mimik-Falten“ – bedauernd schaut sie auf meine Stirn und meine Augen, „das lässt sich ja bei keinem von uns leugnen. Und die Creme erleichtert der Mimik die Anstrengung, sie verringert die Kontraktionen im Gesicht, da regt sich dann nicht mehr so viel.“ „Ah, also Botox zum auftragen?“ frage ich. Begeistert, dass ich es kapiert habe, nickt die Verkäuferin eifrig: „Jaja, genau!“ Auch ich lächle, nicke und denke: „Jaja, wie furchtbar.“ Und überhaupt – ich kämpfe gar nicht. Wie nervig, dass immer alle davon ausgehen, dass man auf Tupfen komm raus jünger aussehen möchte!

Falten habe ich. Klar. Ich sehe inzwischen aus wie 38. Erstaunlich. Denn ich bin 38. Und für diese Falten habe ich schließlich einiges getan: Viel gearbeitet, viel gefeiert, viel geliebt, gelacht und geweint, ein bisschen geraucht, wenig Augencremes benutzt, wenig geschlafen, Kinder bekommen und die Sonne nicht gemieden. Warum soll ich jetzt äußerlich so tun, als hätte das alles nicht statt gefunden?

Und was für ein Vorbild gäbe ich für meine Tochter ab, wenn sie ständig miterleben müsste, dass meine größte Angst das Altern wäre? In was für eine Zukunft würde ich sie blicken lassen, wenn ich ihr vermitteln würde, dass eine Frau nur dann mit sich zufrieden sein kann, wenn sie jung aussieht?

Neulich fragte mich mein siebenjähriger Sohn im Badezimmer „Du Mama, warum ist Dein Po eigentlich größer als meiner? Und warum ist meiner so klein und fest?“ „Weil ich älter und dicker bin als Du.“ Wir lachten beide. Thema durch. Und ich verstehe Frauen nicht, denen bei so etwas fast die Tränen kommen. Ladies, Ihr könnt Eure Gesichter noch so taub cremen, Eure Hintern noch so trimmen – wir werden, bis auf ein paar Ausnahmen, nie aussehen wie die Victoria’s-Secret-Engel. Klar, ich habe, wie fast jede Frau, etliche ‚Problemzonen“, die optimaler sein könnten, ich schminke mich, mache Sport, achte auf mein Gewicht, freue mich über neue Outfits und schaue nach neuen Trends – aber Unsummen ausgeben, Schmerzen auf sich nehmen, damit Hyaluronsäure, Eigenblut, Laser, chemisches Peeling oder Skalpell minus fünf Jahre bringen? Was bringt Euch das? Ich möchte zufrieden sein, gebildet, ab und zu richtig glücklich und natürlich möchte ich für andere Menschen interessant sein – und ich möchte auch gut aussehen, aber gut heißt in meinen Augen nicht jünger. Und ich frage mich: Warum wollen so viele Menschen jünger aussehen? Trauern Sie einer Zeit hinterher, die für sie nicht erfüllend genug war, sodass sie gern mehr von den jungen Jahren hätten? Das könnte ich verstehen. Oder liegt es einfach an der Eitelkeit? Vielleicht haben sie auch Angst vor dem Alter und ein paar damit verbundenen Unannehmlichkeiten? Aber hat nicht jedes Alter ein paar Unannehmlichkeiten?

Vor einigen Jahren war ich auf einer Feier, mit einem neuen Kurzhaarschnitt. Sehr kurz. Eine Frau in der Runde, etwa 8-9 Jahre älter, also damals so alt wie ich heute, kommentierte das mit den Worten: „DU kannst das ja tragen, in DEINEM Alter. In MEINEM Alter geht das nicht mehr, da kann man das Gesicht mit den ganzen Falten nicht so freilegen. Das sieht doch nicht mehr aus.“ Hä? Ich trage die Haare heute auch lang, aber doch nicht VOR dem Gesicht.

Jünger auszusehen hat nicht immer Vorteile. Früher – als es bei Mädchen zwischen 15 und 25 noch optische Unterschiede gab – wurde ich mit 20 oft für 15 gehalten – wenn ich beim Ausgehen meinen Personalausweis vergessen hatte, wurde es ein kurzer und demütigender Abend für mich.

Mit 30 wurde ich für Anfang 20 gehalten – und man fragte mich das ein oder andere Mal bei der Begrüßung, wann denn die Redakteurin zu Produktion dazu stoßen würde. Bis ich klar stellte, dass ich NICHT die Praktikantin bin. Bei Männern, die ich kennen lernte, checkte ich erst einmal ab, ob sie noch bei Mama wohnten. Kam tatsächlich vor.

Vor ein paar Wochen unterhielt ich mich mit einer jüngeren Kollegin über Festivals, auf denen wir im Laufe unseres Lebens mal waren. Ich schwärmte von David Bowie, 1995 auf der Roskilde-Bühne. Sie stutze kurz und meinte: „David Bowie, mh. Das ist echt eine andere Generation.“ Als ich das amüsiert einer Freundin erzählte meinte die spontan, wie unverschämt das sei. Fand ich nicht. Stimmte doch! Und ich war sogar froh, denn Bowie war in dieser Nacht vor fast zwanzig Jahren wirklich unglaublich – und dieses Erlebnis hätte ich für keine Falte weniger missen wollen.

Nun bin ich fast 40. Und ich behaupte: Bei Tageslicht sehe ich auch so aus. Natürlich heißt das, dass mein Körper innerhalb recht kurzer Zeit deutlich mehr Spuren bekommen hat, dank der Jahre, des Stoffwechsels und der Kinder. Natürlich heißt das, dass ich bei einigen Klamotten denke „Das geht nicht mehr“, oder beim Blick in den Spiegel die mangelnde Elastizität der Haut unter meinen Augen fest stelle wenn ich den Kajalstift verstreiche. Und? Ich jubele darüber nicht, aber ich denke auch nicht weiter darüber nach. Liebe Industrie, liebe Verkäuferinnen, ich möchte nicht jünger aussehen. Ich sehe so alt aus wie ich bin. Endlich.

Alte Heldin, neue Heldin

Fast hätte ich es gar nicht mitbekommen, fast wäre ich zu müde gewesen, fast wäre ich nicht hingegangen. Wie viele Dinge im Leben wohl nur „fast“ passieren? Egal. Wichtig ist, dass sie passieren. Dass man sich aufrafft, dass man die Gelegenheit beim fast kahlen Schopfe packt. Und dann befindet man sich nicht nur fast, sondern mitten drin – in den Momenten, die man nicht vergisst. Die man vor 25 Jahren gern erlebt hätte. Und die man nun doch noch zur Lebensliste hinzufügen darf: „Neneh Cherry einmal live sehen.“

Ein elektronisch elektrisierender Abend, auf der Bühne steht meine Heldin des letzten Jahres der Achtziger. 14 war ich, als ich sie in ihren knöchelhohen Turnschuhen, Radlerhosen, den unbändigen Locken und Gesten so unglaublich toll fand, dass ich mich in Pseudohiphopklamotten schmiss, obwohl das am Berner Bahnhof in Hamburg wahrscheinlich einen etwas anderen Styleeffekt hatte als im Video von „Buffalo Stance“. Megalässig fühlte ich mich trotzdem. Immerhin hatte ich zu dem Zeitpunkt das Skateboard, die großen pinkfarbenen Madonna-Plastikherzohrringe und die weißen Michael-Jackson-Handschuhe deaktiviert.

„Raw like Sushi“ konnte ich rauf und runter mitsingen, im „Haus der Jugend“ in Volksdorf tanzten wir dazu freitagabends um 21 Uhr. Teenagerdisko. Es war 1989. Was habe ich meine Eltern angemotzt, wenn sie es wagten, zwei Meter zu nahe am Eingang zu parken, sodass alle sehen konnten, dass die 14jährige mit ihren Freundinnen abgeholt wird?
Über zwanzig Jahre später stehe ich nun im „Übel und Gefährlich“, und ich freue mich über meinen Parkplatz direkt vor der Tür. Und ebenfalls fast direkt vor mir tanzt eine so coole Musikerin auf der Bühne, dass ich es kaum erwarten kann, 49 zu werden. Und das Publikum erst – das ist angenehm alt. Kein Smartphonegewitter, fast alle konzentrieren sich auf die Musik, auf die Künstlerin, keine Massenknipserei macht die Atmosphäre kaputt. Nur neben mir steht eine Frau, die mir etwas leid tut, so hektisch bemüht ist sie, ein Foto zu machen. Da ich darauf tippe, dass sie nicht den Hinterkopf ihres Vordermannes erinnerungswürdig findet, sind die überblitzten Fotos eine schlechte Ausbeute ihrer endlosen Versuche. Ich bedauere sie, weil sie nichts fühlen kann – außer den Frust, dass es mit den Fotos nicht klappt. Die dramaturgischen Wellen der Musik, die Tanzattacken, die Gänsehautmomente – die bekommt sie nicht mit. Zu beschäftigt ist sie. Nie werde ich es nachempfinden können, warum Menschen so krampfhaft darum bemüht sind, jeden einzelnen Moment auf Fotos fest zu halten, denn welches Gefühl hat man noch beim Betrachten der Bilder, wenn der Augenblick zwar auf dem Handy aber nicht im Herzen gespeichert ist?
Neneh Cherry singt und tanzt, das Publikum freut sich rauf und runter. Das neue Album ist – einfach ausgedrückt – ein Knaller. Einige wenige Comebacks sind nicht lächerlich. Und Neneh Cherry hat gezeigt, wie das geht.

Stilblüten

Aus dem Kindermundarchiv:

2009: Ich singe meinem Sohn, 3 Jahre, ein Gute-Nacht-Lied im Kreis vor, fünf Mal, sechs Mal. Plötzlich guckt er mich hellwach an: „Mama, ich glaube es reicht jetzt.“

2009: „Mama, bei „Mausi auf dem Bauernhof“ ist ein riiieesiger Bimpenwüss.“
Er meinte: Tintenfisch.

2011: Ich bitte meinen Sohn, 5 Jahre: „Hilfst Du mir eben beim Aufdecken?“
„Och nöö, ich helfe Dir lieber beim Essen!“

Glotzendes Grauen

Mondlicht scheint durch das Fenster, Schatten fallen auf den Teppich. Schlafenszeit. Seine schwarzen großen Augen glänzen in der Dunkelheit. Er starrt mich an. Er atmet nicht. Diese Augen, die sich über den ganzen Kopf ausbreiten, lassen mich nicht aus seinem glotzenden Blick. Meine Tochter liegt im Bett, sie ist fast eingeschlafen. Mit einem Ruck setzt sie sich auf, streckt die Arme aus und schreit hysterisch: „Mein Gluuubschiii!“

Seltsame Spielzeuge gibt es. Gab es schon immer. Hässliche Trolle mit bunten Haaren, muskelbepackte Mackerbarbies namens Big Jim und Schallplatten des mutierten Frosches Plumpaquatsch – die liebte ich als Kind. Wenn heute ein Stofftier mit einem großen Kopf so aussieht, als drücke man ihm den Hals zu, der Körper verschwindend klein ist und das eigene Kind anfängt zu quietschen, wenn es das geliebte Grässliche im Ladenregal entdeckt, dann kann es sich nur um einen Glubschi handeln. Jedes erdenkliche Tier wurde auf diese seltsamen Proportionen zurecht geschrumpft und mit hervortretenden Augen versehen: Affen, Bienen, Hunde, es gibt sogar ein Einhorn mit pink-, türkisfarbenen und gelben Flecken, einem lilafarbenen Puschel auf dem Kopf, einem pink glitzernden Minihorn auf der Stirn – und natürlich AUGEN. Es steht bei uns. Es wird geliebt. Nicht von mir.
Und fürchte ich als Mutter, nur mein Kind würde dieser Geschmacksverirrung aufsitzen, und ich versuche bereits, es tiefenpsychologisch begründen zu wollen, dann kann ich mir getrost sagen: Ich bin nicht allein. Alle wollen Glubschis – und auch an uns geht leider kein Hype vorbei. Der Glubschi ist das Must-Have der Fünfjährigen, das It-Peace jeder Kindergartenbande. Was kommt als nächstes? Ich befürchte: Furbys. Dieses Grauen kann sogar sprechen.

Mantelfisch und Froschkotze

Mantelfische
Dass das abgebildete Gemüse wahrscheinlich nur durch eine ordentliche Portion Haarspray schön glänzt und die Sahne in Wahrheit Rasierschaum ist – das vergesse ich gern, wenn ich in Kochbücher schaue. Ich liebe Kochbücher. Besonders wenn das Geschirr so hübsch ist, die Menschen so nett aussehen und alles so appetitlich fotografiert ist.

Familienkochbücher sind auch ganz, ganz toll – was da nicht alles für Tricks drinstehen, um Gesundes in die Kleinen rein zu schummeln! Karotten reiben und in Kartoffelpuffer mischen („Mama, wieso sehen die so orange aus?“), Essen mit Tiernamen betiteln: Nein, das ist keine Spinatsuppe – es ist Froschsuppe! („Mama, das sieht eher aus wie FroschKOTZE.“) Oder Fisch lustig verpacken, damit er wieder nach Fisch aussieht – und nicht nach Tiefkühlbriketts. Habe ich gemacht. („Mama, kannst Du auch einen Hammerhai?“) Eine Stunde lang formte ich Blätterteig, ummantelte Fisch, knetete und rollte. Toll sah das aus. Fanden auch meine Kinder. Und stürzten sich nach dem Probierbissen auf Nudeln mit Ketchup.

Lachtränen!

Furchtbar wahr & schrecklich komisch:

(von Colin Falconer, The Huffington Post)

Sind Sie bereit für Kinder? Machen Sie diesen Test!

1. Test: Vorbereitung

Frauen: Vorbereitung auf die Schwangerschaft

Ziehen Sie einen Morgenmantel an und wickeln Sie sich einen Sandsack um den Bauch.
Entfernen Sie nach neun Monaten 5 % des Sands.

Männer: Vorbereitung auf Kinder

Gehen Sie zur Drogerie um die Ecke, drücken Sie der Verkäuferin Ihren Geldbeutel in die Hand und fordern Sie sie auf, sich zu bedienen.
Gehen Sie zum Supermarkt um die Ecke. Vereinbaren Sie mit dem Marktleiter, dass Ihr Gehalt künftig direkt an das Geschäft überwiesen wird.
Gehen Sie nach Hause. Lesen Sie ein allerletztes Mal in Ruhe Ihre Zeitung.

2. Test: Wissen

Suchen Sie sich ein Pärchen, das bereits Kinder hat, und kritisieren Sie es für seine erzieherischen Maßnahmen, mangelnde Geduld, erschreckend geringe Toleranz und die Tatsache, dass ihre Kinder machen, was sie gerade wollen. Geben Sie den beiden gute Ratschläge, wie ihre Kinder künftig durchschlafen, aufs Töpfchen gehen, mit Messer und Gabel essen und ihr bestes Benehmen an den Tag legen. Kosten Sie diesen Moment aus. Es ist das letzte Mal in Ihrem Leben, dass Sie die Antworten auf alle Fragen haben.

3. Test: Die Nächte

So finden Sie heraus, wie sich Ihre Nächte anfühlen werden:

Tragen Sie von 17 Uhr bis 22 Uhr einen etwa vier bis sechs Kilogramm schweren, nassen Sack im Wohnzimmer herum, während Sie sich in voller Lautstärke ein rauschendes Radio (oder ein anderes nervtötendes Geräusch) anhören.
Legen Sie um 22 Uhr den Sack hin, gehen Sie ins Bett und stellen Sie sich den Wecker auf Mitternacht.
Stehen Sie um 23 Uhr auf und tragen Sie den Sack bis um 1 Uhr wieder im Wohnzimmer herum.
Stellen Sie den Wecker auf 3 Uhr.
Da Sie nicht einschlafen können, stehen Sie um 2 Uhr wieder auf und machen Sie sich eine Tasse Tee.
Gehen Sie um 2:45 Uhr ins Bett.
Stehen Sie um 3 Uhr auf, wenn der Wecker klingelt.
Singen Sie bis 4 Uhr im Dunkeln Gutenachtlieder.
Stellen Sie den Wecker auf 5 Uhr. Stehen Sie auf, wenn er klingelt.
Machen Sie das Frühstück.
Ziehen Sie das Ganze fünf Jahre lang durch. ERWECKEN SIE DEN ANSCHEIN, FRÖHLICH UND AUSGESCHLAFEN ZU SEIN.

4. Test: Kleinkinder anziehen

Besorgen Sie sich einen lebenden Kraken und ein Einkaufsnetz.
Versuchen Sie, den Kraken so ins Einkaufsnetz zu legen, dass keine Arme raushängen.
Erlaubte Zeit: 5 Minuten

5. Test: Autos

Verabschieden Sie sich von Ihrem Cabrio. Legen Sie sich einen Kombi zu.
Kaufen Sie ein Schokoladeneis und legen Sie es ins Handschuhfach. Lassen Sie es auf unbestimmte Zeit dort liegen.
Nehmen Sie eine Münze aus Ihrem Geldbeutel. Schieben Sie sie in den CD-Spieler.
Kaufen Sie eine Packung Schokokekse und verreiben Sie diese sorgfältig auf dem Rücksitz.
Kratzen Sie mit einem Rechen an beiden Seiten des Autos entlang.

6. Test: Spazierengehen

Warten Sie.
Gehen Sie vor die Haustür.
Kommen Sie wieder herein.
Gehen Sie wieder nach draußen.
Kommen Sie wieder herein.
Gehen Sie wieder nach draußen.
Gehen Sie den Gartenweg entlang.
Gehen Sie wieder zum Haus zurück.
Gehen Sie wieder zum Gartentor.
Laufen Sie äußerst langsam fünf Minuten lang die Straße herunter.
Halten Sie bei jedem Kaugummi, weggeworfenem Taschentuch und totem Insekt auf dem Weg an, inspizieren Sie es mit aller Gründlichkeit und stellen Sie mindestens sechs Fragen dazu.
Gehen Sie wieder genau den Weg zurück, den Sie gekommen sind.
Schreien Sie so lange, dass es Ihnen jetzt endgültig langt, bis die Nachbarn das Fenster öffnen und Sie schief angucken.
Geben Sie auf und gehen Sie wieder zurück ins Haus. Sie sind jetzt dazu bereit, mit einem Kleinkind spazieren zu gehen.

7. Test: Unterhaltungen mit Kindern

Wiederholen Sie alles, was Sie sagen, mindestens fünf Mal.

8. Test: Einkaufen

Gehen Sie in Ihren Supermarkt. Nehmen Sie einen möglichst lebensechten Ersatz für ein Kleinkind mit – zum Beispiel einen Ziegenbock. Wenn Sie mehrere Kinder in die Welt setzen möchten, sollten Sie mehrere Ziegenböcke mitnehmen.
Machen Sie Ihren Wocheneinkauf, ohne den Ziegenbock aus den Augen zu lassen.
Bezahlen Sie alles, was der Ziegenbock frisst oder kaputt macht.
Fahren Sie erst dann mit der Familienplanung fort, wenn Ihnen diese Aufgabe keine Schwierigkeiten mehr bereitet.

9. Test: Ein einjähriges Kind füttern

Höhlen Sie eine Melone aus.
Schneiden Sie ein kleines Loch in eine Seite.
Hängen Sie die Melone an der Zimmerdecke auf und schwingen Sie sie von rechts nach links.
Schnappen Sie sich eine Schüssel mit aufgeweichten Cornflakes und versuchen Sie, die Cornflakes in die schwingende Melone zu füllen, während Sie so tun, als wäre der Löffel ein Flugzeug.
Fahren Sie damit fort, bis die Hälfte der Cornflakes in der Melone ist.
Leeren Sie den Rest der Schüssel in Ihren Schoß und achten Sie darauf, dass dabei auch ordentlich etwas auf den Boden fällt.

10. Test: Fernsehen

Lernen Sie den Namen aller Figuren aus der Sesamstraße, der Sendung mit der Maus, Bob, dem Baumeister und sämtlichen Disneyfilmen.
Schauen Sie sich mindestens fünf Jahre lang nichts anderes an.

11. Test: Unordnung

Kommen Sie mit der Unordnung klar, die Kinder produzieren? So finden Sie es heraus:
Schmieren Sie Nutella aufs Sofa und Marmelade auf die Vorhänge.
Verstecken Sie einen Fisch hinter der Stereoanlage und lassen Sie ihn den ganzen Sommer dort liegen.
Wühlen Sie im Blumenbeet herum und wischen Sie sich die Hände anschließend an der Tapete sauber. Übermalen Sie die Schmutzflecken mit Filzstift. Bewundern Sie das Ergebnis.
Leeren Sie jede Schublade, jeden Schrank und jede Kiste im Haus aus und verteilen Sie den Inhalt gleichmäßig auf dem Fußboden.
Zerren Sie dann die Sachen in beliebiger Reihenfolge von einem Zimmer ins nächste und lassen Sie sie dort liegen.

12. Test: Lange Autofahrten mit Kleinkindern

Brennen Sie eine CD, auf der jemand wiederholt „Mama“ schreit. Wichtig: Zwischen jedem „Mama“ dürfen höchstens vier Sekunden Pause sein. Erhöhen Sie zwischendrin die Lautstärke auf den Geräuschpegel eines Düsenjägers.
Hören Sie sich diese CD die nächsten vier Jahre lang auf jeder Autofahrt an.
Jetzt sind Sie für eine lange Autofahrt mit einem Kleinkind bereit.

13. Test: Unterhaltungen

Beginnen Sie ein Gespräch mit einem Erwachsenen Ihrer Wahl.
Bitten Sie jemanden, dabei permanent an Ihrer Kleidung zu zupfen, während Sie die oben erwähnte „Mama“-CD abspielen.
Sie sind jetzt in der Lage, eine Unterhaltung mit einem Erwachsenen zu führen, während sich ein Kind im selben Raum befindet.

14. Test: Sich fürs Büro fertig machen

Wählen Sie einen Tag aus, an dem Sie ein wichtiges Meeting haben.
Ziehen Sie sich Ihren schönsten Hosenanzug an.
Kippen Sie Zitronensaft in einen Becher Sahne.
Rühren Sie das Ganze gut um.
Schütten Sie die Hälfte davon auf Ihre Seidenbluse.
Tränken Sie ein Handtuch mit der anderen Hälfte der Mischung.
Versuchen Sie, die Bluse mit dem getränkten Handtuch zu säubern.
Gehen Sie direkt ins Büro, ohne sich umzuziehen. (Sie haben keine Zeit dafür.)
Sie sind jetzt bereit für Kinder.

VIEL SPASS DAMIT!!!

Heller die Lichter nie strahlen

Rauf auf die wackelnde Leiter, schnell noch die Lichterkette ans Carport gehängt – und jetzt klemmt der Stecker. Mist. Drücken, ruckeln, rutscht. Na endlich. Uuund – aaaah! Hä? AAAAH! Wieso leuchten nur zwei Drittel dieser verflixten Kette? Vielleicht hier ein bisschen drehen – na bitte. Ich werde wahnsinnig, jetzt ist sie schon wieder aus. Ich gebe auf. Ich bin einfach keine Dekoqueen, aber das Ding – das bleibt jetzt so. Wie war das? Manchmal reichen auch 80 Prozent. Der kleine Leuchthirsch steht traurig und dunkel daneben, er hat keinen Strom. Denn wir haben nur einen Anschluss im Schuppen, und ich hatte keine Lust, noch eine Doppelsteckdose zu kaufen.

Wenn ich mich so umgucke in unserem Viertel – schön ist es! Überall leuchtet es heimelig – Sterne und Ketten in Gelb und Weiß feiern die Weihnachtszeit.
Wenn ich mich so umgucke in unserem Viertel – schrecklich ist es! Rot, Grün und Blau blinkt es, Rentierschlitten stehen auf Dächer, Weihnachtsmänner krabbeln an Balkonen rauf, auf Dauerfeuer geschaltete Leuchtspiralen verursachen Diskoatmosphäre. Und bei so mancher roten Beleuchtung im Fenster fragt man sich schon, ob das was mit Weihnachten zu tun hat, oder ob die ganzjährig in Betrieb ist.

Auf dem Weg nach Sasel hat jemand einen drei Meter großen Weihnachtsmann aufgeblasen und in den Vorgarten gestellt, gleich neben das zwei Meter fünfzig große Rentier. Auf dem Weg nach Berne steht eine riesige Plexiglaskrippe im Garten – mit Maria und Josef und der ganzen Mannschaft, alle etwa einen Meter groß. Den Stern von der Spitze schießt das Haus im Rahlstedter Weg – meine Kinder freuen sich jedes Jahr auf den Anblick! Sind wir mit dem Auto unterwegs, kommt immer die gleiche Frage: „Mama, fahren wir beim verrückten Mann vorbei?“ So heißt er bei uns. Nett gemeint. Denn ein bisschen verrückt muss man schon sein, wenn man sein Haus und seinen Vorgarten in ein einziges blinkendes Lichtermeer taucht, überdimensionale Zuckerstangen in die Tannen hängt, wenn eine Rentierherde die Einfahrt schmückt, und eine ganze Weihnachtsmanngang übers Gelände tobt.

Mit meiner Lichterkette komme ich nicht weiter. Ich könnte eine neue kaufen. Aber für die paar Tage? Außerdem käme dann wieder die Diskussion mit meinem Sohn: „Gelb ist so langweilig. Ich möchte endlich eine rote Lichterkette am Carport!!!“ Nein, mein Kind. Die wird es bei uns nicht geben. Diese Farbe hat schon der Stadtteilpuff die Straße runter für sich reserviert.

Die Invasion der Motzbüdel

„Ts, ob die es heute noch hinbekommt?“, mosert die Frau mit einem in die Ferne gerichteten Blick. Sie erwartet Beifallkommentare aus der Schlange, während die arme Budni-Kassiererin mit den Tücken der Technik kämpft. Als es endlich weitergeht, guckt die Frau vor mir mich mit einem Augenrollen und falschen Lächeln an. Ich gucke ausdruckslos zurück und beherrsche mich, ihr nicht ein paar Takte zu erzählen.

Beim Bäcker steht ein Mann vor mir und fragt, was in dem Dreikornbrot denn drin sei? Die Verkäuferin antwortet freundlich, dass sie das nicht auf Anhieb wisse, sie würde sich mal eben schlau machen … Er antwortet, lautstark in den Raum gerichtet: „Also das gibt es doch nicht!! Arbeitet hier, und weiß noch nicht einmal, was in dem Brot ist!!“, das „Ich bin neu“-Schild an ihrer Bluse hat er übersehen.

Der Espresso zu heiß, das Eis zu kalt, die Sonne zu hell? Hat einer bei Eurem „Malen nach Zahlen“-Weltbild mal das Türkis anstatt das Blau benutzt? Grund genug, um zu motzen – Ihr Meckerfritzen, Ihr nörgeligen Nervensägen!! Ihr seid die Kanten an den Gehwegplatten meines Alltags. Ich will Euch nicht treffen und doch stolpere ich immer wieder über Euch – Ihr seid überall und man sieht Euch nicht kommen.

Hat man zu lange auf Euch drauf getreten, und seid Ihr dadurch so verzogen? Denn in meinen Augen hat es nicht nur etwas mit der Einstellung zum Leben zu tun – es hat auch etwas mit Benehmen zu tun. Man ist nicht unfreundlich zu Verkäuferinnen, man guckt die Kellnerin gefälligst an, wenn man Ihr das Geld in die Hand drückt, man pöbelt den Kassierer nicht an, wenn die Kasse spinnt. Natürlich sollte man sagen, wenn einem etwas nicht gefällt, aber dieses öffentlichkeitsgeile Herumkritteln an Kleinigkeiten – das finde ich unerträglich.

Bei der Post geht selbige mal wieder ab – es ist rappelvoll. Nein, Warten ist nicht schön. Nein, es sind trotzdem nicht alle Schalter besetzt. Aber nein – dafür können die Angestellten nichts. Von einem Fuß auf den anderen tritt der Mann vor mir, er schert aus der Schlange aus, atmet hörbar ein, guckt dabei mit aufgerissenen Augen um sich und schüttelt den Kopf. Ein Postbeamte wechselt ein freundliches Wort mit einer Kundin, beide lachen. Das reicht dem Kerl vor mir für einen kurzen Ausraster: „Na toll, soll ich denen auch noch ne Tasse Kaffee bringen, damit sie sich setzen können?“ Er guckt ausgerechnet mich dabei an und da ist es wieder – dieses falsche Grinsen, das mir sagen soll: schlag ein, hau mit drauf! Ich konzentriere mich wieder auf meinen ausdruckslosen Blick und die Beherrschung meiner Zunge. Lauter setzt er nach: „Sind hier ja nicht beim Kaffeekränzchen, hä? Stimmt doch, hä?“ Ich kann nicht anders, gucke ihn verständnislos an und antworte höflich: „Vielleicht sollten Sie mal einen Kaffee weniger trinken, das bringt den Puls runter.“ Du Gehwegplattenkante.

M:O:A

Müller OpenAir

Vorab muss ich sagen, dass ich mir jedes Mal fast in die Hosen mache. Seit 22 Jahren denkt das Lampenfieber gar nicht daran, mal die Birne raus zu schrauben. Seit 11 Uhr morgens bin ich nicht mehr ansprechbar, murmle Texte vor mich hin, übe Tonsprünge, ja, ich schaue mich sogar beim Singen im Spiegel an. Für vier Zeilen, dann beschließe ich, dass mir diese Baustelle zu groß ist, um sie bis abends zu bearbeiten. Augen zu und durch.

Es ist kurz vor Acht, die rund 60 Gäste sind da, der Soundcheck war super, ich schaue in freundliche Gesichter, meine liebsten Freunde sind da, meine Eltern, Schwiegereltern, meine Kinder. Kein Grund, nervös zu sein. Und ich halte mein Wasserglas mit tatterigen Fingern, schaue meinem Gegenüber beim Reden zu, bin mit meinen Gedanken aber bei „Viva la Vida“.
Ich bin mir sicher, ich habe das beste Hobby der Welt, und doch reibt es nach wie vor die Nerven blank. Warum ich das tue? Hä? Warum springen Menschen an Gummiseilen von Brücken? Warum tauchen sie mit Haien? Es ruft Gefühle hervor, wie sonst nichts auf der Welt.

Musik macht dass es doppelt so weh tut
Musik macht dass es nicht mehr so schmerzt („Musik“, Pohlmann)

Auf der Bühne zu stehen, mit tollen Musikern zusammen zu spielen, zu singen, Musik, die einen berührt, zu machen, das ist … Das ist schwer in Worte zu fassen. Wie muss das für Menschen sein, die auch noch Geld und Ruhm dafür bekommen?
Es ist nach Acht, wir stehen auf der Holzterrasse, schauen in einen wunderschönen Garten, nette Menschen, die vor uns sitzen oder stehen und erwartungsvoll gucken. Mir zittern immer noch die Hände, Tobi legt los, „Valerie“ erklingt. Einige wippen ein bisschen, alle freuen sich. Ist das schön. Bin ich schön nervös.

6 Monate zuvor standen wir in einer Bar in Hamburg. Von ihrer geplanten Terrassenüberdachung erzählten uns die Müllers – und mit Gin Tonic und Wein in der Hand beschlossen wir, dass so etwas eingeweiht gehört. Wir malten uns aus, wie nett es wäre, in einem riesigen Garten das Publikum sitzen zu sehen, wir auf einer Holzterrasse, dazu Drinks, Häppchen, laues Lüftchen – und handgemachte Musik. Es wurde später und später, und wir schmückten in immer mehr Superlativen das Szenario aus.

Und die Frau Müller, die ist eine echte Macherin. So eine, die nicht lange fackelt. Eine Idee hat keine Chance, sich im Alltagstrubel leise und heimlich zu verziehen – die wird festgehalten, dann werden einige Punkte geklärt, eine Liste gemacht – und dann wird durchgezogen. Egal wie viel sonst noch so los ist, egal wie anstrengend Kinder oder ihr Job gerade sind. Grandios. Und so hatten wir bereits am nächsten Tag, es war der 25. Februar 2013, eine E-Mail mit Terminvorschlägen im Postfach.

Wir sind inzwischen beim letzten Lied angekommen. Alle sind glücklich, die Gastgeber haben ein fantastisches Fest ausgerichtet, das Essen, die Drinks, der Rahmen – alles ist perfekt. Und alle spielten mit: das Wetter, die Nachbarn, die Gäste und die Musiker: Tobi, ein Virtuose an der Gitarre, Arne, die Beatbox – ich kann immer noch nicht nachvollziehen, wie er diese coolen Geräusche herausbekommt, und Jan auf dem Cajon und am Mikro, ein Multitalent. Jan hat „Haus am See“ in „Classenweg“ umgedichtet, einige haben Tränen in den Augen – vor lachen. Nervös bin ich jetzt nicht mehr, die Finger haben sich beruhigt, alles ist gut. Mehr als das.

Und wir lesen in den ältesten Liedern

unsere neuesten Träume
und kommen immer wieder zu ihr zurück
um abzutauchen und Luft zu holen – Musik. („Musik“, Pohlmann)

Das ganze Konzert (bei „Playlist“ links oben kann man die einzelnen Songs anklicken):

Kickende Kunst

In der Millerntor Gallery (Charity-Kunst-Projekt, mit Viva con Agua) traf ich den Ex-Star S., den Ex-Fotografen P., die unerfüllte Ex-Liebe S. und die Ex-Kollegen F. und M.. Die machen das immer noch – sie singen noch, sie fotografieren noch, sie lieben und … Weiterlesen

Der Glatzkopf und das Gör

Kinderfernsehen. Geht es um Bullerbü und Pippi Langstrumpf, bin ich gern dabei. Doch sobald gewisse Minihelden auftauchen, muss ich das Zimmer verlassen:

„Ich will aber keinen Salaaaaat!!“ Das kleine Mädchen in Nachthemd und Krone kreischt in Frequenzen, dass sich die Trommelfelle wellen. Mit weit auseinander stehenden Augen, einer Frisur wie ein Spaghettimob und einer riesigen Klappe stolpert „Die kleine Prinzessin“ von Ausraster zu Ausraster. Und meine Tochter findet es toll.

DVD-Zeit – was möchtet Ihr gucken? „Die kleine Prinzessin“. Was für ein netter, was für ein irreführender Titel.
Sie ist eine Prinzessin im schlechtesten Sinne:
Ihren Willen brüllt sie mit weit aufgerissenem Mund in die Luft, bis die Tauben taub sind – sie kommandiert, motzt, meckert, heult und jammert.

Eine nachgiebige Mutter mit Marktkopftuch und Krone und ein dümmlicher Königspapa, der sie auch nach der größten Unverschämtheit noch „Mein Püppchen“ nennt.

Sollte es uns Sorgen machen, dass unsere Kinder so etwas mögen? Ein dominantes Balg, welches seinen Hund Schlampe Schlamper nennt, welches das Kindermädchen von links nach rechts jagt, in einem Schloss lebt, wo Gärtner oder Koch kuschen müssen und der gesamte Hofstaat ängstlich darum bemüht ist, es dem Kronenmonster recht zu machen? Krone ab, Sechs, setzen.

Gleiche Liga ist „Caillou“. Von niedlich keine Spur, es sei denn, man findet Vierjährige mit Glatze süß. Und auch hier trifft einen der Nervfaktor „Stimme“ in den Hörkernen des Großhirns. Doch ganz ganz lieb sind hier alle zueinander. Mit ganz ganz vielen „i’s“ – die sind symbolisch für die zuckrigen Dialoge von Mami, Papi, Omi, Opi, Rosie und Caillou.

Alle reden mit mischpultverstellter Stimme, Mami und Papi sind perfekt, haben für alles eine pädagogisch wertvolle Erklärung, sind immer nett und immer sehr verständnisvoll. Worte werden überdeutlich formuliert, als müsse jemand mitschreiben, und alle sind so freundlich zueinander, dass einem flau wird. Caillou könnte das Haus anzünden und Mami und Papi würden mit Singsangstimme sagen: „Hase, wir wissen ja, dass es keine Absicht war. Aber nun pass auf, dass Du Dich nicht verbrennst.“

Und WIESO hat dieses Kind keine Haare? Alle haben Haare, selbst seine zweijährige Schwester Rosie. Mit einem lieben i. Klar.

WER IST DICHTER?

Als wäre es nicht schon verrückt genug, zu jemandem ins Auto zu steigen, den man überhaupt nicht kennt. Mit dem man noch keine zwei Sätze gesprochen hat. Und doch sieht man den Menschen hinterm Steuer des beige-gelben Autos als Retter in der müden Nacht, als Zuflucht vor der lauten Straße, als sicheren Begleiter Richtung Zuhause.

Vor fünf Minuten war ich noch Zuhörer eines Lyrikvortrages. Ein Dichter, ein Musiker, ein Schauspieler brachte mich in die Zielstraße. Hätte ich zwei Gläser Wein mehr intus gehabt, wäre ich entweder ob der einlullenden wohlklingenden Worte eingeschlafen oder in albernes Gegacker ausgebrochen. Ganz ernsthaft – ich habe soeben für 22 Euro drei Gedichte und Biografieauszüge von 1966 genießen dürfen, sechsfach ausgesprochene Buchempfehlung inklusive. Wahrscheinlich ist er einer, der nach zu vielen schrägen Fahrgästen beschloss, in die Offensive zu gehen: Bevor mich einer vollquatscht, rede ich! Und zwar ohne Luft zu holen.
Dabei war ich bisher stets ein harmloser Fahrgast. Schluckauf, leises Schnarchen, seltsame Gesprächsversuche („War Taxifahrer schon immer Ihr Traumberuf?“), eisiges Schweigen, unterdrücktes Schluchzen, hysterisches Gelächter, hymnisches Singen – für echte Taxifahrer Erdnüsse.
Eine Totalreinigung, kein Geld, keine Ahnung – das musste noch niemand mit mir durchmachen.

Die, die kein Radio anhaben und selbst bei Gesprächsversuchen („Ganz schön kalt geworden …“) schweigen, die sind mir am unangenehmsten. Da starrt man dann geschlagene dreißig Minuten aus dem Fenster und wühlt in Gegenwart eines Fremden in seinen Gedanken.

Und dann gab es da noch den, mit dem ich mich so angeregt unterhielt, dass er versehentlich zur falschen U-Bahn-Station fuhr. Oder der Jazzmusiker aus Amerika, der mich morgens um 5 Uhr zum Flughafen kutschierte, der Inder, der seit Jahren davon träumte, mehr Geld zu verdienen und nachts mehr bei seiner Familie zu sein, die nette Frau in Berlin, die das Taxameter ausstellte, bis wir unser Restaurant gefunden hatten – und heute nun die Krönung: Goethe und Ringelnatz in Persona.

Hat nicht jeder seine Taxigeschichte? Und hat nicht jeder Taxifahrer eine Geschichte?

Die Engagierten

„Hast Du schön gehört? Frau B., Frau S. und Frau R. sollen wohl die Klassenlehrerinnen werden.“ „Naja, Frau B. wäre ja eine Katastrophe, da muss man sich ja überlegen, ob man wirklich an dieser Schule bleibt …“ Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Und ich bin unterversorgt, ein Informationsdefizit zieht sich durch meinen Alltag. Kann das schaden? Oder bewahrt es mich vor hohem Blutdruck, hektischen Flecken und Gift und Galle? Wenn ich glaubte, der Kindergarten sei ein Kosmos der Engagierten, schwant mir, dass ich in den nächsten vier Jahren meine Lektion lernen werde.

Im Kindergarten meines Sohnes war ich ein Jahr lang Elternvertreterin. Aus der Not heraus. Die Dame, die das Amt eigentlich ausfüllen sollte, ich nenne sie mal „Bimmelim“ – weil sie eigentlich so belanglos ist und einen kreativen Schimpfnamen nicht verdient hat – verpestete die fröhliche Kindergartenluft dermaßen, dass sie nach einem Eklat mit großem Auftritt und dramatischer Kopfbewegung ihr Amt niederlegte. Bis dahin ging es um Banalitäten und um konstruierte Probleme, auf Bimmelims Konto gingen Lästereien, ständige Beschwerden bei und über die Erzieherinnen, unverschämte, sehr lange Schimpftiraden per E-Mail und dann schafften sie und eine andere Mutter es, sich lauthals im Flur anzubrüllen, sodass die Kindergärtnerin sie bitten musste, dies doch draußen zu tun – und nicht vor den Kindern. Erstaunlich, dass man erwachsene Menschen auf so etwas aufmerksam machen muss.
Und nun saßen da rund 18 Frauen und drei staunende Männer am Tisch und fragten in die Runde, wer das Amt übernehmen möchte. Schweigen. Eine andere Mutter, die ich sehr mag, erklärte sich nach zähen Minuten der Stille bereit, schaute mich an, ich zuckte mit den Schultern und meinte: „Kann ja nicht so schwer sein.“ Wahl gewonnen. Böser Blick von Bimmelim.
Als ich an einem Abend danach die Elternvertreterin einer andere Gruppe zwanzig Minuten nicht vom Hörer bekam, weil sie eine Initiative gegen den ständigen Heizungsausfall starten wollte (zwei Mal, drei Mal?), überlegte ich kurz, einfach aufzulegen. Mit rotgequatschtem Ohr hoffte ich auf bessere Zeiten, wenn die Schule losgeht. Nicht so emotional, nicht so beschützend sind die Mütter da, dachte ich, die Kinder selbstständiger, viele Mütter arbeiten und haben gar keine Zeit, sich ständig das Maul zu zerreissen. Die Rechnung habe ich ohne „Die Engagierten“ gemacht. Die wissen alles. Und die stehen in immer denselben Grüppchen vor der Schule und debattieren sich die Schultergelenke lahm. Bisher konnte ich an der aufgeheizten Luft nur schnuppern, doch ich befürchte, ab der ersten Klasse versengt sie einem die Augenbrauen, wenn man den Kopf nicht schnell genug einzieht. Ich bin gespannt. Countdown sieben Monate.